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Meerjungfrauen aus aller Welt

Die Meerjungfrau von Travemünde

Meerjungfrau aus Travemünde

©  Helge Normann

Wer die Meerjungfrau auf dem Felsen vor dem Priwall in Lübeck-Travemünde erblickt, mag ein Déjà-vu erleben. Die Figur gleicht in Form und Größe nämlich der Nixe von Boltenhagen, welche Ende Februar 2006 spurlos verschwand. Aber so rätselhaft und unerwartet, wie sie einst in Boltenhagen erschien, war das Auftauchen der Bronzestatue im Konkurrenzbad Travemünde nicht. Bereits zuvor kursierten Gerüchte, nachdem Kathrin Nonnenmacher in Travemünde gesehen wurde. Die Miss Rheinland-Pfalz 2001 wurde 4 Jahre nach ihrer Krönung vor allem dadurch bekannt, dass sie sich Urheber-, Marken- und Geschmacksmuster-Rechte an der Boltenhagener Meerjungfrau sicherte und danach alle Händler abmahnte, die ohne ihre Genehmigung Nixenartikel vertrieben. Als Geschäftsführerin der Firma Nymphenworld erklärte sie das fischschwänzige Fabelwesen zur Nymphe und verbreitete die Botschaft "Die Ostsee-Nymphe steht für die innere Einheit von Meer, Natur, Gesundheit, Liebe, Familie, Menschlichkeit, Wahrheit, Nächstenliebe, Frieden und Freiheit!".

Am 21. April 2007 war es dann so weit. Travemünde wurde um eine Sehenswürdigkeit reicher. Frau Nonnenmacher stellte eine Woche später ihre neue Kollektion an Nymphen-Souvenirs vor, die sich größtenteils durch den Aufdruck des Stadtnamens (Travemünde statt Boltenhagen) von der vorherigen Kollektion unterschied. Im Ostseebad Travemünde hoffte man auf ein gutes Geschäft mit der Vermarktung der Nymphe und auch Maritim-Direktor Oliver Gut freute sich, denn die Fischfrau schaute direkt auf sein Hotel. Von dem Anblick der Hotelgäste konnten die Menschen am sehr viel näheren Priwallstrand nur träumen. Auf dem eigens für die Nymphe ins Meer gelassenen Stein, saß die Bronzestatue nämlich mit dem Rücken zu ihnen, rund 8 Meter vom Ufer entfernt.

Aber nicht nur Touristen und Souvenirhändler zeigten Interesse an dem Neuankömmling. Auch die Polizei stattete der schweigenden Dame einen Besuch ab. Immerhin wurde eine ganz ähnliche Figur Anfang 2006 als gestohlen gemeldet. Und auch wenn Frau Nonnenmacher beteuert, dass es sich bei der Travemündener Ausführung um eine Neuanfertigung handelt, ließ die Beamten der Fund von Grünspanspuren stutzig werden. Zumal die Halterungen auf der Unterseite der Figur, mit den Löchern übereinstimmen, die im verwaisten Stein vor der Redewischer Steilküste in Boltenhagen zu finden sind.

Video von der Meerjungfrau in Travemünde.

Die Geschichte der Ostsee-Nymphe

Im Sand versunken:

© Joëlle Weidig

 

Während andere Statuen auf alte Sagen zurückzuführen sind, oder als Erinnerung an Dichter & Denker aufgestellt wurden, schreibt die "Ostsee-Nymphe" ihre ganz eigene Geschichte. Es ist ein Fortsetzungsroman mit mystischen Anfängen, erträumtem Reibach, kriminellen Machenschaften und dramatischen Schicksalsschlägen.

Aus der Ferne betrachtet stand die Existenz der Ostsee-Nymphe in Travemünde schon von vornherein unter keinem guten Stern. Keine sechs Monate nach ihrer Aufstellung, kam es dort im September 2007 zu einer schweren Sturmflut, die die Bronzestatue bis zur Hüfte im Sand versinken ließ. Erst Anfang Dezember grub man die Figur wieder frei und setzte sie auf einen neuen Findling ans Ufer. Ihre schiefe Haltung wurde korrigiert, der Blick aufs Wasser beibehalten. Das lange Sandbad hatte seine Spuren und eine deutliche Patina auf dem Unterarm und dem Fischschwanz der Bronze hinterlassen.

Die neue Position der Meerjungfrau wurde ihr am 16. Juni 2008 zum Verhängnis. Ein Strandkorbvermieter fuhr nachts mit seinem Geländewagen unter Alkoholeinfluss (1,78 Promille) über den unbeleuchteten Strand und übersah die 1,50 m hohe Bronzefigur auf ihrem Findling. Während die beiden Insassen des Fahrzeuges nur leicht verletzt wurden, verlor die "Ostsee-Nymphe" durch den Zusammenstoß ihren rechten Arm und wurde komplett vom Stein gerissen [Foto]. Die Überreste wurden eingeschmolzen.

Ein tragischer Zufall oder ein schlechtes Omen? Denn ähnlich umgehauen hat es sicher auch den Geschäftsführer der Firma Nymphenworld und seine mittlerweile angetraute Frau Kathrin Neuffer (geborene Nonnenmacher), als die Staatsanwaltschaft Schwerin im September 2008 eine Hausdurchsuchung des Firmen- und Privatsitzes der Eheleute anordnete. Offenbar hatte ein Gutachten den Verdacht erhärtet, dass die beiden damals selbst für die Entfernung der Bronzestatue aus Boltenhagen gesorgt hatten und die Figur aus Travemünde folglich keine Kopie sei. Es kam zum Prozess. Am 23. November 2009 endete dieser im Amtsgericht Grevesmühle mit einem Freispruch der Neuffers. Heinz Klein (Geschäftsführer der Kunstgießerei Klein Bronzen) hatte als Entlastungszeuge ausgesagt, er habe am 24. März 2006 den Auftrag für einen zweiter Abguss von der Negativsicherungsform der Nymphe erhalten und beide Statuen wären anhand ihrer Legierung zu unterscheiden. Der Aufenthalt der Nymphenstatue aus Boltenhagen bleibt damit weiter ungeklärt.

Das Wandern ist der Nymphe Lust

   

Das Rätsel um den Verbleib der ersten Figur inspirierte die Neuffers zur "Wander-Nymphe". So passiert es mitunter, dass  irgendwo in Deutschland eine Kopie der Bronzestatue auftaucht. Sie ist zwar kleiner als das 20.000 Euro wertvolle Original und nicht aus Bronze, aber sie verschwindet ebenso plötzlich wie ihre große Vorgängerin.

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