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Ein Meer voller Meerjungfrauen |
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Bericht über die Sonderausstellung im Teylers Museum |
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![]() © Naar Jan Lavies
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Vom 25. Mai bis zum 15. September
2013 nahm sich das niederländische
Teylers Museum in Haarlem den
Meerjungfrauen mit einer Sonderausstellung unter dem Titel "Een Zee vol
Meerminnen" (Ein Meer voller Meerjungfrauen) an. Das Naturkundemuseum
gehört zu Recht zu den Top 100 der niederländischen UNESCO-Denkmälern. Die
Architektur und Ausstattung der alten Räume ist beeindruckend. Ich fühlte
mich zeitweilig wie in der Kulisse eines Harry Potter Films. Die
Meerjungfrauen waren in einem Neubau und dem größten Saal für temporäre
Ausstellungen untergebracht. Blaue Aufstellwände gestalteten die Gänge und
Informationsbereiche. Auf ihnen fand man zu jedem Abschnitt einleitende
Worte in Niederländisch und Englisch. Die Informationstafeln neben den
jeweiligen Ausstellungsstücken waren ausschließlich in der Landessprache
verfügbar. Das Fotografieren war
untersagt, aber mit freundlicher Genehmigung des Museums, wurden mir
die folgenden Bilder für meinen Bericht überlassen.
Die Ausstellung begann zu meiner Linken. Das Teylers Museum besitzt
Originalausgaben antiker Naturkundebücher, in denen Meerjungfrauen neben
Fischen und Schalentieren, wie echt existierende Lebewesen aufgeführt wurden. Die
entsprechenden Bildseiten lagen aufgeschlagen unter stabilen Glashauben. Ein Touchscreen an
der Wand erlaubte darüber hinaus im digitalen Scan eines Buches zu
blättern. Die Druckwerke waren stumme Zeitzeugen einer Vergangenheit, in der man
Meerjungfrauen für real hielt. Die Meerjungfrau von EdamGegenüber widmete man sich einer
niederländischen Sage. Danach wurde 1403 eine nackte Frau bei Sturm durch
einen gebrochenen Deich ins Landesinnere gespült. - Ein Diorama hielt den Moment mit
Modellbaufiguren fest. - Milchmädchen fanden die Fremde
und brachten sie nach Edam, um sie zu zivilisieren. Die ersten
Aufzeichnungen dieses Vorfalls
beschrieben die Frau als normalen Menschen.
Erst nachfolgende Legenden machten aus
ihr eine Meerjungfrau. Von allen Exponaten zum Thema bediente sich
lediglich das Diorama einer Figur mit Fischschwanz. Japanische FälschungenModellbau der etwas anderen Art betrieben die Japaner im 19. Jahrhundert. Dort nähte man echte Fischschwänze an den Torso verstorbener Äffchen und modifizierte die morbide Erscheinung mit Pappmaschee. Der Tiermix fand reißenden Absatz in Amerika und Europa, wo er als mumifizierte Meerjungfrau zur Schau gestellt wurde, um Menschen glauben zu lassen, es gäbe die Fabelwesen wirklich. (Mehr Info) Ein Exemplar dieser Fälschungen war hinter Glas aufgebahrt, mit dem kleinen Manko, dass der Zahn der Zeit an der Flosse des Fischschwanzes genagt hatte, bis nichts mehr von ihr übrig war. GöttersagenGemälde, Lithographien, Statuen und Ornamente aus dem späten 15.
Jahrhundert und danach verdeutlichten die andauernde Begeisterung für die
fantastischen Geschöpfe des Meeres. Die damaligen Künstler ließen sich von
der Mythologie inspirieren und gaben
Sirenen, Nereiden, Neptun, Poseidon, Triton und Co. Gestalt. Auch
kirchlich begann die Meerjungfrau eine Rolle zu spielen und wurde
Bestandteil
christlicher Verzierungen. Ein Spiegel und ein Kamm galten dabei als
Symbol der ihr unterstellten Eitelkeit. Kunst und WerbungNeben dem Schaukasten mit Galionsfigurinen und holländischen Delfter Fliesen erstreckte sich großformatig über die komplette Wand Das Spiel der Najaden von Arnold Böcklin. Es läutete die Verwendung der Meerjungfrauen in der Kunst des späten 19. Jahrhunderts ein. Schräg gegenüber teilten sich die überdimensionalen Kopien von John William Waterhouse (A Mermaid) und Lord Frederic Leighton (The Fisherman and the Syren) die zur Verfügung stehende Fläche. Die Verführungskraft und Erotik der Mischwesen trat zunehmend in den Vordergrund und machte die Nixen für die Werbeindustrie attraktiv. (Mehr Info)
Seemänner und SeejungfrauenBeliebt war die Erotik der Meerjungfrauen auch bei Seefahrern. Neben Schiffen und Ankern gehörten sie zu den beliebtesten nautischen Tattoo-Motiven. Ihre Erscheinung verkörperte die Anziehungskraft und Gefahr des Meeres gleichermaßen. Ferner war eine Nixe das einzig weibliche Wesen, das den Seemann unterwegs begleiten durfte, denn für echte Frauen war die Arbeit an Bord keine Option. Diese Entbehrung soll auf hoher See die Sichtung vermeintlicher Seejungfrauen begünstigt haben, obwohl die Männer in Wahrheit nur Seehunde und Seekühe im Wasser sahen.
Zum Vergleich waren Präparate einer Rundschwanzseekuh (Manati)
und einer Gabelschwanzseekuh (Dugong) ausgestellt. Auf der
gegenüberliegenden Seite lief ein Film über die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum. Meerjungfrauen in den MedienFür einen anderen Film hatte man im gläsernen Durchgang zum alten Gebäudeteil des Museums einen eigenen Kinoraum eingerichtet. Vor der Tür zum Nebenkomplex war eine Leinwand aufgespannt, über die eine holländisch singende "Arielle, die Meerjungfrau" schwamm. Die Treppenstufen des Durchgangs lagen unter blauem Teppich verborgen und dienten den kleinen Zuschauern als Sitzgelegenheit inmitten einer Vielzahl großer, samtig weich erscheinender, maritimer Kuscheltiere, die eine gemütliche Atmosphäre schafften.
Rechts neben der Tür zum Kinoraum gab ein Regal Einblick in
unterschiedliche Bücher, die das Andersen Märchen "Die kleine Seejungfrau"
nacherzählten und auf einem Fernseher an der Wand liefen stumm
untertitelte Filmausschnitte aus
Splash,
Harry Potter und der Feuerkelch,
Pirates of the Caribbean: Fremde Gezeiten,
Peter Pan (1953),
Mr. Peabody und die
Meerjungfrau, La Siréne
(1904) und Legènde des ondines (1911). Im zuletzt genannten Stummfilm ging es um eine
Nymphe (ohne Fischschwanz), die in einem weißen Gewand auf einem Felsen am
Meer saß und dort von einem Adeligen entdeckt wurde, der sich sofort in
sie verliebte. Allerdings stand der Mann kurz vor seiner Hochzeit und
seine Verlobte störte die Zweisamkeit. Nach der Trauung verließ er seine
Ehefrau umgehend und kehrte zurück an den Strand. Als seine Frau ihm zum Meer
folgte, waren ihr Gatte und die Nymphe verschwunden. Traditionelle FolkloreIn der restlichen Hälfte der Ausstellung wurden Meerjungfrauen fremder Länder vorgestellt. Mexiko bietet zum Beispiel nicht nur viele Statuen, auch in der Volkskunst finden Nixen farbenfrohen Ausdruck in vielen Gegenständen und sind ein gern genommenes Mitbringsel der Touristen. In Südamerika trägt die Göttin des Meeres u. a. den Namen Yemanja (s. Yemayá). Auf Wikipedia steht: "Ihre Farben sind das Hellblau und das Weiß, ihr Metall ist das Silber." Eben diese Merkmale fanden sich im Kostüm einer Yemanja-Priesterin wieder, welches sich gemächlich in einer Rundvitrine drehte. Die Darstellungsform der "Mutter der Fische" schwankt zwischen einer Frau mit und ohne Fischschwanz. Mal ist sie hellhäutig, mal dunkel.
In Westafrika ist es die Gottheit Mami Wata, die ebenso variabel in Farbe und Form wiedergegeben wird. Das Museum hatte diverse Ausführungen der "Mutter des Wassers" zusammengetragen. Darunter Plastiken afrikanischer Frauen auf zwei Beinen und weiß bemalte Skulpturen. Häufig wird Mami Wata in Begleitung einer Schlange gezeigt. Diese Charakteristik geht zurück auf ein Werbeplakat, welches Ende des 19. Jahrhunderts in Hamburg für eine indische Schlangenbeschwörerin gedruckt wurde. Es gelangte irgendwie nach Afrika und wurde zur Vorlage vieler Mami Wata Darstellungen. In Zentralafrika ist eine hellhäutige Mami Wata mit Fischschwanz vorherrschend.
Die Meerjungfrauen der Fernsehserie H2O mögen die weltweit bekanntesten Nixen aus Australien sein, doch die ersten waren sie nicht. Lange vor der Entdeckung des Kontinents durch die Europäer gab es im Arnhemland an der Nordküste, einem wasserreichen Siedlungsgebiet der australischen Ureinwohner, den Glauben an die Yawkyawks. Das sind weibliche Wassergeister, die über die Fruchtbarkeit und die Lebewesen des Wassers wachen. Jeder Clan der Aborigines hat seine eigene Version des Mythos, aber immer ist ein Yawkyawk eine junge Frau mit einem Fischschwanz, den sie im fortgeschrittenen Alter auch gegen Beine einzutauschen vermag. Was immer man sich bei dieser Legende für ein Geschöpf vorstellen mag, es dürfte eher wenig Ähnlichkeit mit den vor Ort ausgestellten Yawkyawk-Figuren von Lena Yarinkura und Bob Burruwal haben. Die gefleckten Puppen aus pflanzlichen Fasern und Kakadu-Federn sehen wahrlich nicht aus wie junge Frauen. Da es sich bei dem Künstlerehepaar jedoch um waschechte Aborigines handelt, ist ihrer Interpretation nicht zu widersprechen. |
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FazitDem Teylers Museum gelang eine ansehnliche Ausstellung, die sich mit den wichtigsten Entwicklungen und Gebräuchen des Mythos Meerjungfrau beschäftigte und einen Blick über den Tellerrand der westlichen Welt warf. In Anlehnung an die Tradition der holländischen Delfter Fliesen, die im 17. und 18. Jahrhundert auch Motive von Meermenschen trugen, bemalten Kinder aus elf niederländischen Grundschulklassen im Vorfeld der Eröffnung kleine quadratische Keilrahmen mit Meerjungfrauen und -männern. Die fertigen Werke dekorierten Teile der Ausstellung (s. o. erstes Bild, rechts) und sorgten dafür, dass die Schüler sich mit den "Meerminnen" auseinandersetzten. Dennoch erschien mir die Darbietung der Informationen im Museum für Kinder nur bedingt unterhaltsam, trotz App und Kinoraum. Der Großteil der Ausstellungsstücke und Erläuterungen richtete sich an Menschen, die über die kindliche Schwärmerei hinaus Interesse an Meerjungfrauen aufbrachten. - Obwohl mein Wissen sehr umfangreich ist, habe selbst ich etwas Neues in Haarlem erfahren können. Die Akkulturation der Schlangenbeschwörerin, die das Bild der Mami Wata prägte, war eine amüsante Erkenntnis. Darüber hinaus durfte ich aber erfreut feststellen, dass die Sonderausstellung vieles von dem bot, was auch auf Mermaid Mania zu finden ist und was dieser Website noch an Information fehlte, konnte ich Dank meines Besuchs mit diesem Bericht nachreichen. |
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Alle Ausstellungsbilder © Teylers Museum |
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