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Gedichte

Odysseus*

© Marisa López

Das Meer ruht still, im leichten Wiegen
der Mond scheint sanft darauf zu liegen
leicht kräuselt der Nachtwind kaum spürbar nur
die glitzernde Fläche der Natur.
Gründunkelnd scheint das Licht der Sterne
durchbrechend die Tiefe aus weiter Ferne
so wie der Kiel, dessen schmales Gleiten
den Spiegel durchtrennt - den zum Wagnis Bereiten
gebunden am Baum des Schiffes tragend
zum Vorstoß bereit - doch ehrfürchtig wagend,
belauschend schweigsam ernst die Nacht
so tollkühn und doch sorgsam bedacht.

Und horch! Fast wie erahnend das Lied,
das jedem Seemann den Wahn beschied
voll Sehnsucht, dem Wind anvertrauter Klang
so lieblich - der Nereiden Gesang.
Magnetischem Ziehen mächtiges Schwellen
hell und voll Wehmut über den Wellen
widmen ihm sichtbar und huldvoll geneigt,
ihm, der sehnsüchtig mühsam schweigt
ihrer Prozession helles Leuchten.
Die Töchter Poseidons halten die feuchten
Portale ihm offen, dem Göttersohn
wie hin zu einem entlegenen Thron.

Smaragden schimmernd materner Tiefe
ihm ist, als ob berauscht er schliefe
das nie gelöste Rätsel betrachtend
und nach den Stimmen haltlos schmachtend
deren Liedgut symetrieverschlungen
kaum dass es scheinbar abgeklungen
erneut harmonisch sich zeitlos ergibt
ihm ist, als hätte er nie so geliebt.
Und der Sturm ballt mit Macht die Klänge.
Der verwobenen Töne gewaltge Gesänge
zum Orkan geschwollen, peitschen heulend die See
und er fühlt wie noch nie sein Herzensweh.
Erahnt tief im Wasser ihr schönes Gesicht
herauftreibend zu ihm wie schimmerndes Licht.
Sie umwirbt ihn zart mit wiegendem Tanz.
Ihn rührt's wie der schillernde Silberglanz
ihren Augen Schmerzen der Sehnsucht verleiht -
und da bittet sie ihn, dass er sie befreit.

Ihr fahlbleicher Brüste sanftes Beben
verspricht ihm ewig treues Leben
so wie ihr leichenblasser Schoß
den sie ihm fruchtbar, gänzlich bloß
in süßer Lust entgegendehnt
und als er sich haltlos nach ihr sehnt
da sinkt wie gezwungen folgsam sie hin.
Ihr Abschied raubt ihm den letzten Sinn -
es zieht sie herab in ihr kühles Reich
ein schwindender Blick, der seltsam weich
um Erlösung bittend dunkel bricht
und mit ihrem letzten Licht
verweist die schmale, kühle Hand
scheidend auf ihr reiches Land
als ob sie seinen Namen riefe
in unerreichter Meerestiefe.

Auf einmal ist es todesstill.
Wie er dem Lockruf folgen will!
Und reißt an den Stricken, die fest und kalt
gewähren doch Sicherheit und Halt.
So wie die Mannschaft, die ihn nicht hört
und dennoch ängstlich fast, verstört
die Ohren vom Wachs erleichtert befreit
so waren sie vor den Gesängen gefeit.
Hielten sich an den Befehl vor dem Wahn
und rührten seine Fesseln nicht an
in den Stunden betörender Klänge
auf keinen Befehl hin zu lösen die Stränge
noch auf erbittendes, drängendes Flehen.
Der Erschöpfte müht sich, sie anzusehen.
So hättet ihr mich doch losgebunden!
In diesen zauberhaften Stunden.

Doch als hätte er selber zulange gewacht
umfängt ihn samten erlösend die Nacht.
Sieht auch nicht die ersten schwachen fahlen
der See sich vermählenden Sonnenstrahlen.
Erwacht gen Mittag, noch gänzlich geschunden.
Männer, wenn ihr mich doch losgebunden..!
Sagt ein Seemannsgesicht, vom Zweifel gebleicht:
Es hätte Euch nur zum Verderben gereicht!

Von Bertram Ulmer (2012)

* gekürzte Fassung

© Alle Rechte vorbehalten.

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