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Gedichte

Herr Olaf*

© Ilja Shapovalov

Herr Olaf reitet im weichen Sand,
Im Wellenschaum am Meeresstrand.
Merk' auf, Herr Olaf!
Die Woge spritzet, die Woge rauscht.
Was klingt dazwischen? Herr Olaf lauscht.
Merk' auf, Herr Olaf!
»Komm', Olaf, zu mir, komm', steige vom Roß!
Komm' zu mir herab in mein grünes Schloß!«
Merk' auf, Herr Olaf!
Es singet so süß, es locket so laut,
Er vergißt zu Hause die treue Braut.
Merk' auf, Herr Olaf!
Er sprengt seinen Rappen in's Meer hinein,
Die Sonne geht unter in rothem Schein.
Merk' auf, Herr Olaf!
Und heller und heller das Meerweib singt
Und süßer und süßer die Stimme klingt.
Merk' auf, Herr Olaf!
»Laß fahren die Welt, laß fahren den Schwarm,
Laß dich küssen und wiegen in meinem Arm!«
Merk' auf, Herr Olaf!
Was sieht er im Strudel? Ein Augenpaar,
Eine schimmernde Brust, blond Lockenhaar.
Merk' auf, Herr Olaf!
Und er spornt seinen Rappen, der wirft ihn ab
Und er sinkt hinunter in' s feuchte Grab.
Merk' auf, Herr Olaf!
Schön Ramild schaut zum Fenster heraus,
Ein nasser Rappe steht vor dem Haus.
Merk' auf, Herr Olaf!
O Rappe, o Rappe, dein Sattel ist leer,
Sag' an, was bringst du für traurige Mähr'?
Merk' auf, Herr Olaf!
»Dein Liebster ist hin, daß Gott sich erbarm',
Ihn wieget die Nixe im schneeweißen Arm!«
Merk' auf, Herr Olaf!
»Bei den Fischen wohnt er im tiefen Meer,
Die Sonne siehet er nimmermehr.«
Merk' auf, Herr Olaf!

Von Friedrich Theodor Vischer (1879)

   

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